Filmkritik

Di 24. Oktober 2023
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Black Box (2022)

Drama

Regie: Asli Özge

mit: Luise Heyer (Henrike Koch) · Felix Kramer (Johannes Horn) · Christian Berkel (Erik Behr) · Timur Magomedgadzhiev (Ismail Sultanov) · Anne Ratte-Polle (Carolin Hahn)

Deutschland/Belgien 2022 | 119 Minuten | ab 12

Ein Berliner Mietshaus wird aufgrund eines nicht erklärten Vorfalls von der Polizei abgeriegelt. Gerüchte machen die Runde, Personen werden verdächtigt. Zudem ist die Nachbarschaft ohnehin gespalten, da das Haus kurz vor dem Verkauf steht und der neue Hausverwalter sie gegeneinander auszuspielen scheint. In Form einer Versuchsanordnung diagnostiziert das multiperspektivisch aufgebaute Drama ein soziales Klima, das von Entsolidarisierung, Spaltung und Rassismus geprägt ist. Die Hausgemeinschaft erscheint dabei als Mikrokosmos der Gesellschaft. Da jedoch der gesellschaftliche Befund von vornherein feststeht, gerät dem Film die Beweisführung recht durchsichtig. - Ab 16.

Langkritik:

Für einen kurzen Moment erinnert der Bürocontainer, der zu Beginn über ein Berliner Wohnhaus geschwenkt und in einem Hinterhof abgeseilt wird, an ein Ufo. Doch kaum ist das Objekt an seinem Standort platziert, ist auch „Black Box“, der Film von Aslı Özge, ganz auf dem Boden der Realität angekommen: Gentrifizierung, Rassismus, Verschwörungstheorien, Lockdown, Impfdebatte, gesellschaftliche Polarisierung und Separatismus. Nahezu jedes Thema, das von der jüngeren Vergangenheit bis heute die gesellschaftlichen Debatten bestimmte und bestimmt, wird von der in Berlin lebenden türkischen Regisseurin mal mehr, mal weniger explizit aufgefahren. Dabei ist „Black Box“ kein Debattenfilm im eigentlichen Sinn. Özge setzt weniger auf Argumente als auf eine diffuse, von Angst und Misstrauen geprägte Atmosphäre, in der alles latent bleibt.

Ein Haus wird abgeriegelt. Die Polizei sichert die Ausgänge zur Straße, niemand kommt raus, niemand kommt rein, warum weiß keiner. Ein Terroranschlag? Schon wieder Pandemie? In den Medien ist nichts vermeldet, und auch die Einsatzkräfte verweigern die Auskunft. Unter den Bewohner:innen macht sich Unsicherheit breit, dabei sind die aktuellen Entwicklungen im Mietshaus verunsichernd genug. Es gibt Gerüchte, das Gebäude solle verkauft und luxussaniert werden.

Eierwürfe und Verdächtigungen

Als sich der neue Hausverwalter und Miteigentümer Horn (Felix Kramer) an seinem Arbeitsplatz im Container installiert, wird er prompt mit einem Ei beworfen. Der Verdacht fällt auf einen streitlustigen Lehrer (Christian Berkel), der eine Unterschriftenliste gegen den neuen Standort der Mülltonnen initiiert hat. Eben dieser Lehrer verdächtigt den kleinen Sohn der Nachbarin Henrike (Luise Heyer), vor seine Wohnungstür gepinkelt zu haben. Henrike wiederum filmt mit ihrem Handy einen von allen reflexhaft als „afghanisch“ gelesenen politischen Aktivisten (tatsächlich kommt er aus der russischen Republik Dagistan), um sich mit dem „verdächtigen“ Material Vorteile bei Horn zu verschaffen. Und ganz allgemein verdächtigt wird auch die libanesische Mieterin Madonna (Manal Issa), ganz einfach, weil sie niemand kennt und sie irgendwie „syrisch“ aussieht.

Als auf dem Dachboden die Leiche eines Obdachlosen gefunden wird, spitzt sich die Lage zu. Der Hausverwalter spielt sich als Blockwart auf, verhängt ein Versammlungsverbot und instrumentalisiert die vermeintliche Gefahrenlage für die geplante Umstrukturierung. Der anstehende Verkauf und das Aufdecken mutwilliger Sabotageakte im Keller, die womöglich Horn selbst verübt hat, sorgen für Bündnisse, die sich jedoch als nicht beständig erweisen.

Jeder ist sich selbst der nächste

Im Kampf um Vorkaufsrechte ist sich jeder selbst der nächste, bei einem eskalierenden Streit wird dem Lehrer sogar das halbe Ohr abgebissen. Zu Opfern des Ausnahmezustands werden jedoch vor allem Ismael und Madonna. Als die einzig nicht-weißen Bewohner:innen sind sie auch für die Polizei die ersten Verdächtigen.

Allianzen, Zerwürfnisse und Verdachtsmomente verteilt Özge so gleichmäßig über das Figurenensemble, dass sie sich gegenseitig fast schon wieder neutralisieren. Die Kamera empfindet das Gefühl einer allgemeinen Verunsicherung nach und wird in reißenden Bewegungen mal hierhin, mal dorthin geschwenkt. Der Film findet jedoch nie zu einer Form, in der die Dezentralisierung des Blicks produktiv wird.

Der gesellschaftliche Befund steht fest

Gut ein Dutzend Figuren sperrt Özge in ihre Versuchsanordnung (bereits der Vorgängerfilm „Auf einmal“ folgte diesem Schema), eine Form, die im Kino jedoch meist von festen Prämissen ausgeht und eben alles andere ist als ein offenes Experiment. Auch in „Black Box“ steht der gesellschaftliche Befund – Entsolidarisierung, Zerfall des Gemeinsinns etc. – von vornherein fest. Auch wenn sich Özge bemüht, ihre Figuren lebendig auszugestalten, so sind sie doch vor allem Diagnoseinstrumente in einer überaus durchsichtigen Beweisführung.

Esther Buss, FILMDIENST