Filmkritik

Di 28. Juni 17.30 und 20 Uhr
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Der Alpinist

Dokumentarfilm

Regie: Peter Mortimer

mit: Maryam Moghaddam (Mina) · Alireza Sanifar (Reza) · Pourya Rahimisam (Babaks Bruder) · Avin Purraoufi (Bita) · Lili Farhadpour (Minas Nachbarin)

USA 2021 | 92 Minuten | ab 12

Der Kanadier Marc-André Leclerc galt schon als Jugendlicher unter Alpinisten als ungewöhnliches Talent. Später sorgten seine spektakulären Alleingänge und Erstbegehungen für Aufsehen. Doch anders als viele seiner Kollegen blieb Leclerc eine Art Phantom, da er auf öffentliche Anerkennung keinerlei Wert legte. Dokumentarisches Porträt eines ebenso freundlichen wie scheuen Extremisten, der seine Solo-Touren mit minimaler Ausrüstung und ohne jede Sicherung unternimmt. Der Film begleitet Leclerc bei Touren in den Rocky Mountains und in Patagonien und verknüpft die atemberaubenden Schauwerte mit einer intimen Charakterstudie.

Langkritik:

Natürlich ist es Irrsinn, sich ohne Not in akute Lebensgefahr zu begeben, nur um am Ende auf irgendeinem Gipfel zu stehen. Selbst Reinhold Messner kann nicht so richtig erklären, was Menschen dazu immer wieder treibt. „Aber wenn der Tod keines der möglichen Resultate des Bergsteigens wäre“, so Messner, „dann wäre es kein Abenteuer, keine Kunstform, sondern eine Art Kindergarten.“ Dabei geht es den Extremkletterern im Unterschied zu den früheren Alpinisten längst nicht mehr um Gipfel. Der Kick besteht vor allem darin, immer gewagtere Routen zu entdecken und zu meistern. Und die möglichst allein und ohne jede Absicherung. Dank der technischen Möglichkeiten, sich dabei selbst zu filmen und die Dokumente des tollkühnen Tuns ins Netz zu stellen, sind manche Kletterer zu Superstars avanciert.

Suche nach dem scheuen Solo-Kletterer

Auch Dokumentarfilmer haben in den letzten Jahren zunehmend Interesse an den Akrobaten im Fels gefunden. „Free Solo“ um den US-amerikanischen Freeclimber Alex Honnold wurde 2019 sogar mit dem „Oscar“ für den besten Dokumentarfilm prämiert. In „Der Alpinist“ geht es um den Marc-André Leclerc, der lange Zeit nur Insidern ein Begriff war. Zwar hatte er mit Anfang 20 schon unglaubliche Routen im Alleingang gemeistert, doch auf Ruhm und öffentliche Anerkennung legte er keinerlei Wert. Er besaß keine Sponsorenverträge, hatte weder Handy noch Auto und nicht einmal einen festen Wohnsitz, sondern lebte in einem Zelt irgendwo in den Rocky Mountains.

„Der Alpinist“ von Peter Mortimer und Nick Rosen beginnt denn auch mit der Suche nach diesem Phantom der Berge. Als ihn die Filmemacher endlich gefunden haben, sieht man einen zurückhaltenden, aber freundlich lächelnden 23-Jährigen mit lockigem Haar, der nicht weiß, wann und wie er in die Kamera schauen soll. Begeisterung sieht anders aus. Letztlich hat ihn seine Freundin überredet, bei dem Filmprojekt mitzumachen. Immerhin gibt es dabei auch ein bisschen Geld zu verdienen, und das kann der mittellose Kletterkünstler für seine Reisen zu den Steilwänden der Welt gut gebrauchen.

Eine behutsame Annäherung

Wo vergleichbare Produktionen mit atemberaubenden Sequenzen tollkühner Kletterpartien beginnen und diese gern mit bombastischer Musik unterlegen, kommt „Der Alpinist“ wohltuend als behutsame Annährung an einen in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Menschen daher. Man lernt einen jungen Mann kennen, der nie etwas anderes wollte, als auf Berge zu klettern, und auch nie etwas anderes getan hat. Zumindest beruflich. Die Schule sei für ihn die Hölle gewesen, erinnert sich Leclerc. Das stundenlange Stillsitzen habe er nicht ausgehalten. Die Mutter hatte irgendwann ein Einsehen und unterrichtete ihren Sohn zu Hause. Nachmittags streiften sie gemeinsam durch die Berge der Umgebung. Bis er alt genug war, um immer waghalsigere Touren zu unternehmen. Und das am liebsten allein.

Natürlich verzichtet der Film nicht auf die Dokumentation solcher spektakulären Alleingänge in Fels und Eis. Was Leclerc dort vollbringt, lässt einem immer wieder den Atem stocken. Auch die Filmemacher geben zwischendurch zu Protokoll, dass es sie Nerven gekostet hat, dem Protagonisten beim Klettern ohne Seil zu folgen. Wenn Leclerc an einer scheinbar glatten, senkrechten Wand mal eben die Kletterschuhe gegen Bergstiefel mit Steigeisen tauscht, weil der Fels plötzlich vereist ist, mag man ihm dabei kaum zuschauen. Wobei die (Drohnen-)Kameras vielfach erst nach und nach die Abgründe sichtbar machen, über denen sich der Protagonist so selbstverständlich bewegt wie Normalsterbliche beim Spaziergang im Kurpark.

Intimes Porträt eines Extremisten

Im Film ist Leclerc zumeist in den Rocky Mountains unterwegs, doch wie die meisten anderen Extremkletterer kommt auch er nicht an den spektakulären Granit-Nadeln in Patagonien vorbei. Den berühmt-berüchtigten Torre Egger bewältigt er souverän im zweiten Anlauf. Und das im Winter. Was vor ihm natürlich noch niemand geschafft oder auch nur versucht hat.

Neben Leclerc und seiner Freundin lassen die Filmemacher Weggefährten aus verschiedenen Generationen zu Wort kommen, die ihm allesamt größten Respekt zollen. Manches Lob wäre dabei verzichtbar gewesen, zumal die (Off-)Kommentare vielfach unter Klettersequenzen mit Leclerc liegen, bei denen man als Zuschauer mit dem Athleten gerne mal auch allein unterwegs gewesen wäre. Trotzdem ist dieses intime Porträt eines Extremisten eindeutig einer der besseren Filme, die in den letzten Jahren über virtuose Kletterkünstler entstanden sind.

Reinhard Lüke, FILMDIENST