Filmkritik

Di 14. Juni 17.30 und 20 Uhr
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Spencer

Biopic

Regie: Pablo Larraín

mit: Kristen Stewart (Prinzessin Diana) · Jack Farthing (Prinz Charles) · Amy Manson (Anne Boleyn) · Thomas Douglas (Earl John Spencer) · Jack Nielen (William)

Großbritannien/Deutschland/Chile/USA 2021 | 117 Minuten | ab 12

Ironisch-beklemmende Fantasie über das Weihnachtsfest 1991, das die englische Prinzessin Diana mit der Königsfamilie auf Schloss Sandringham verbringen muss. Die seelisch angeschlagene Frau leidet zunehmend an den Erwartungen und Zwängen, denen sie unterworfen ist. Für das daraus resultierende Unglücklichsein findet der Film beklemmende Bilder, die aber auch fantastische Einschübe erlauben. Der Hauptdarstellerin gelingt es, die Mischung aus Verzweiflung und Rebellion mit präziser Gestik und Mimik nachzuempfinden.

Langkritik:

Der schlichte Filmtitel, der den bürgerlichen Nachnamen von Prinzessin Diana meint, täuscht darüber hinweg, um was es geht: eine ironische Fantasie über ein schreckliches Weihnachtsfest, dass die Protagonistin 1991 im Schloss Sandringham mit der königlichen Familie über sich ergehen lassen musste. „Eine Fabel von einer wahren Tragödie“ verheißt darum auch eine einleitende Schrifttafel.

Es beginnt kurios: Anstatt sich chauffieren zu lassen, steuert Prinzessin Diana ihr rotes Porsche Cabrio selbst. Doch ausgerechnet in der Gegend, in der sie in der Nachbarschaft zur königlichen Familie aufgewachsen ist, verfährt sie sich heillos – ein Symbol dafür, wie sehr sie sich selbst verloren hat. In einem Pub fragt sie schüchtern nach dem Weg, sehr zum Erstaunen der Gäste, die kein Wort herausbekommen. Diana erreicht Sandringham erst nach der Queen – ein unverzeihlicher Fehler. Dann wird sie auch noch von dem zugeknöpften Militäroffizier Gregory gemaßregelt, der für die Sicherheit zuständig ist. Ohne dessen Zustimmung kann sie sich kaum frei bewegen. Und dann ist da auch noch die Entfremdung zwischen ihr und Prince Charles, der sie argwöhnisch beobachtet.

Immerhin sieht sie ihre beiden Söhne wieder, William und Harry, mit denen sie ausgelassen spielt. Der (fiktive) Koch Darren wird zu ihrem Vertrauten, und auch mit der Kammerzofe Maggie versteht sie sich gut. Doch Diana wird vom Geist von Anna Boleyn verfolgt, jener Frau von Heinrich dem VIII., die hingerichtet wurde. Ein schlechtes Omen? Diana verliert immer mehr den Bezug zur Realität.

Die Wirklichkeit sieht anders aus

Regisseur Pablo Larrain hatte schon in „Jackie“ (2016) eine Frau in den Mittelpunkt gestellt, die in gesellschaftlichen Konventionen gefangen war und nach einem Ausweg suchte. Natalie Portman läuft darin als traumatisierte Jackie Kennedy kurz nach der Ermordung ihres Mannes im blutverschmierten Kleid orientierungslos durch die Flure des Weißen Haus – so wie jetzt Kristen Stewart durch die Korridore des großen Schlosses irrt. Beide Filme porträtieren berühmte Frauen in teuren Kleidern und inmitten großzügiger Anwesen, die den Anforderungen und Erwartungen, die die Öffentlichkeit an sie stellt, nicht mehr gewachsen sind. Sie mögen alles haben, doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

Larrain treibt Dianas Probleme mitunter ins Absurde. Für die Zwänge, denen die junge Frau unterworfen ist, und das daraus resultierende Unglücklichsein findet der Regisseur beklemmende Bilder, die von Jonny Greenwoods unbequemer Filmmusik zwischen schrillen Geigen und gläsernem Klingen mitunter schmerzhaft aufgeladen werden. Fantastische Einschübe und Traumsequenzen wechseln mit ausgesuchten Einstellungen von karg-nebligen Landschaften und klaustrophobischen Innenräumen, die gefangen nehmen.

Das eigentliche Ereignis des Films aber ist Kristen Stewart in der Titelrolle, nicht nur wegen der äußeren Ähnlichkeit, die mit der perfekten Nachbildung von Prinzessin Dianas typischer Kurzhaar-Frisur, den auffälligen Hüten und den wechselnden Kleidern zusätzlich unterstrichen wird. Stewart gelingt es, die Mischung aus Verzweiflung und Rebellion mit präziser Gestik und Mimik nachzuempfinden, Dianas zur Seite geneigten Kopf, ihren Blick aus den Augenwinkeln, die nervöse Unsicherheit. Diese Frau fühlt sich sichtlich nicht wohl in ihrer Haut. Es ist mitunter beklemmend, wenn sie sich vor Aufregung übergeben muss und würgend vor der Toilette kniet.

Ein stetes Unwohlsein

Larrain kommt in solchen Moment der Entfremdung und dem Unglück der Prinzessin näher, als dies eine Dokumentation je könnte. Beängstigend auch jene Szene, in der Prinz Charles seine Frau zwingt, zum Dinner ein Perlenkollier zu tragen, das er auch seiner Geliebten Camilla Parker geschenkt hat. Dianas Ablehnung von Traditionen und Prunk wird hier überdeutlich. Ihr irritierendes Verhalten sorgt dafür, dass man sich auch als Zuschauer in einem steten Zustand des Unwohlseins und der Unruhe befindet.

Manchmal sorgt die Inszenierung aber auch für amüsante Zwischenspiele. So befiehlt Diana etwa einem Hausmädchen, doch endlich das Zimmer zu verlassen: „Ich möchte masturbieren!“ Ein anderes Mal verlässt sie mitten in der Nacht das Anwesen und versucht, unbefugt in das nahegelegene Haus ihrer Kindheit zu gelangen, sehr zum Schrecken der örtlichen Polizisten, die nicht so recht wissen, wie sie reagieren sollen. Das sind komische Szenen, die aber auch zeigen, wie sehr Diana durch die strenge Etikette am Hof, durch die Kälte und Gleichgültigkeit der Windsors gehemmt und eingeschränkt wird. Sie ist in einem goldenen Käfig gefangen.

Michael Ranze, FILMDIENST