Filmkritik

Di 21. September 17.30 und 20 Uhr
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Nebenan

Drama

Regie: Daniel Brühl

mit: Daniel Brühl (Daniel) · Peter Kurth (Bruno) · Rike Eckermann (Wirtin) · Aenne Schwarz (Clara) · Gode Benedix (Micha)

Deutschland 2021 | 94 Minuten | ab 12

In einer Eckkneipe im Prenzlauer Berg stoßen ein Underdog und ein Filmstar aufeinander, die eigentlich Nachbarn sind, auch wenn sie Welten trennen. Während der Schauspieler nur die Zeit bis zu einem Casting überbrücken will, outet sich der unscheinbare Underdog als Fan und Überwachungsfanatiker, der das Leben des anderen in- und auswendig zu kennen scheint. Was anfangs wie ein amüsantes Vexierspiel über Szene-Stars und Kiez-Klischees wirkt, wandelt sich immer mehr zum abgründigen Psychodrama. Eine unterhaltsame Paraphrase von Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“.

Langkritik:

Der Titel „Nebenan“ weckt Assoziationen. Nach etwas Heimeligem, Geborgenem. Wie die Eckkneipe im Viertel, in die sich keine Touristen verirren, sondern nur die harmlosen Trottel und die Dartspieler aus dem ersten Stock, die sich auf Bier und Bullseye treffen. Nebenan, das ist die Gewissheit, dass im Haus immer einer da ist, der die Päckchen annimmt. Nebenan, das sind die Nachbarn, die mal ein Auge zudrücken, wenn es mal wieder ein wenig lauter wird. Wenn es ein Nebenan gibt, ist das „da draußen“ immer noch ein Stück weiter entfernt als gleich hinter der Haustür.

„Kennen wir uns?“ Zumindest sollten ihn alle ihn kennen! Daniel ist aus Funk und Fernsehen bekannt. Fast schon ein internationaler Star, der heute ausnahmsweise zwei Stunden Zeit hat, bis das Taxi nach Tegel zum Flughafen kommt. Er wohnt nicht weit von der Gaststätte entfernt, die er anmaßend „seine Stammkneipe“ nennen würde. Auch wenn er immer noch nicht weiß, wie die Wirtin eigentlich heißt und dass die Spezialität des Hauses eine selbstgemachte Sülze mit kalter Beilage ist.

„Ich kenne alle ihre Filme“

„Also, kennen wir uns?“ Es passt ganz in das Bild eines „Gentrifizierungstäters“, dass Daniel eben nicht seinen Nachbar vom Hinterhaus kennt, dessen Wohnzimmerfenster gerade mal fünf Meter Luftlinie von seinem luxussanierten Maisonette-Balkon entfernt ist. So wie Bruno am Tisch seiner Stammkneipe sitzt, ist er ein eher unscheinbarer Zeitgenosse, der hinter einer dezent geschmacklosen Hemd-Hose-Kombination eine recht massige Statur verbirgt. „Ich kenne alle ihre Filme, auch wenn sie nicht immer gut waren.“

Nichts interessiert Daniel gerade weniger als die Meinung eines unbekannten Nachbarn. Auch wenn er es sich hinter seiner aufgesetzten Freundlichkeit und weltmännischen Nonchalance nicht anmerken lassen will, ist er doch nervös, rastlos und gerade gänzlich kritikunfähig vor dem wenige Stunden später anstehenden Casting in London, das ihm eine hochdotierte Rolle in einem Superheldenfilm sichern soll.

Besonders dieser eine Film, in dem die DDR-Vergangenheit thematisiert wurde, sei laut Brunos Analyse doch ein wenig zu sehr im schalen Stil einer deplatzierten „Wessi-Romantik“ gemacht. Vielleicht war es ein Erfolg, aber sicher kein guter Film, auch wenn sich Daniel redlich bemüht habe.

Was will dieser Mann von nebenan, der sich erst als Fan und dann offensichtlich als Lieblingsfeind geriert? Daniel könnte es kurz machen, das bereitstehende Taxi nehmen, und gut wäre es. Doch wie es in Eckkneipen so geht, gibt ein Wort das andere. Dabei kommt heraus, dass Bruno nicht nur Daniels Päckchen annimmt, mit seinem Assistenten per Du ist und in Daniels Abwesenheit unbekannterweise schon mal die Blumen gießt. Er weiß auch, was Daniels Frau Clara oder das Kindermädchen seines Sohnes so treiben, wenn der Star auf Dienstreise ist. Und das ist nichts Gutes.

Künstler-Snob vs. Arbeiterklasse-Underdog

„Nebenan“ fängt eigentlich ganz amüsant an. In seiner ersten Regiearbeit spielt Daniel Brühl genüsslich mit Stereotypen. Die schrullige Berliner Prenzlauer Berg-Szene, Typen wie die schnoddrige Wirtin, der Ossi/Wessi-Culture-Clash, der polyglotte Yuppie-Schauspieler-Handy-Sprech zwischen Agentur und Filmstar, die Bigotterie der Kulturbranche und schließlich der ungleiche (verbale) Schlagabtausch zwischen (Künstler-)Snob und (Arbeiterklassen-)Underdog. Das hätte leicht eine dieser verkrampft-lockeren Komödien im Stil von Til Schweigers Barefoot-Produktion werden können. Doch dann platzt einer der Dialogsätze herein, die „Nebenan“ kennzeichnen und mit einem Mal alle lustige Unverbindlichkeit verfliegen lassen: „Ich war in Hohenschönhausen!“. Ein Satz, der dem zunächst nebulösen, aber harmlosen Charakter von Bruno einen tiefen Abgrund verleiht. Dieser Satz gibt „Nebenan“ einen Ruck, den man dem Kammerspiel nicht zugetraut hätte. „Als Insasse?“, fragt Daniel rhetorisch. „Nein, als Wärter!“, scherzt Bruno. Oder scherzt er doch nicht?

Das Nebenan hat bei Daniel Brühl nichts Heimeliges und Geborgenes. Für ihn und den Drehbuchautor Daniel Kehlmann ist es pure Paranoia. Denn nach und nach wird deutlich, dass Bruno den Schauspieler und dessen Familie seit Monaten „im Visier“ hat. Erst rein zufällig durch Gespräche durchs offene Fenster, dann systematisch, ja perfide.

Eine verwegene Variante

Peter Kurth ist in seiner Verkörperung dieses Monsters von Nebenan ein Ereignis. Denn seine Physiognomie strahlt chronische Unergründlichkeit aus. Scherzt er mit seinem Gegenüber oder tötet er bereits? Oder sind die beiden Kombattanten vielleicht doch nur zwei Loser unterschiedlicher Systeme, die letztendlich das gleiche traurige Schicksal teilen? Wenn man dem Regiedebüt von Daniel Brühl etwas vorwerfen kann, dann das, woran auch viele andere Psychodramen versierterer Regisseure leiden, nämlich die Schwierigkeit eines würdigen Abgangs. Wählt man die böse Pointe? Oder doch lieber die „Moral von der Geschicht´“?

„Nebenan“ präsentiert in dichter Folge beides und wirkt darüber dann ein wenig ernüchternd. Wenn man eine verwegene Variation von „Das Fenster zu Hof“ versucht, dann ist „Nebenan“ zumindest nicht die schlechteste.

Jörg Gerle, FILMDIENST