Filmkritik

Do 21. Mai und Di 26. Mai 17.30 und 20 Uhr
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Die Wütenden - Les Misérables

Drama

Regie: Ladj Ly

mit: Damien Bonnard (Stéphane) · Alexis Manenti (Chris) · Djebril Zonga (Gwada) · Issa Perica (Issa) · Jeanne Balibar (Polizeichefin)

Frankreich 2019 | 105 Minuten | ab 16

Ein Polizist stößt neu zu einem Duo hinzu, das in einem Pariser Vorort Streife fährt, und wird schon am ersten Einsatztag mit den dortigen Machtverhältnissen konfrontiert, an denen seine neuen Kollegen durch Gewalt, Schikanen und Korruption regen Anteil haben. Als ein Löwenjunges aus einem Zirkus von einem Jugendlichen gestohlen wird, droht das fragile Interessengleichgewicht im Viertel zu kippen, umso mehr als die Polizisten bei der eskalierenden Festsetzung des Diebs gefilmt werden. Ein meisterlich inszenierter Film über die explosive Gemengelage an Fronten und Fraktionen in den französischen Banlieues. Ohne einseitige Schuldzuschreibungen greift das fein gezeichnete Drama brandaktuelle gesellschaftliche Strömungen auf und sensibilisiert eindrücklich für die unkalkulierbaren Gefahren, die aus jeglicher Form der Ausgrenzung erwachsen. - Sehenswert

Langkritik:

Schwarz prangt das Wort „Police“ auf der roten Armbinde. Wann immer Stéphane Ruiz den Wagen seiner Polizei-Einheit verlässt, streift er sich das kleine Band über den muskulösen Oberarm, um sich vorschriftsmäßig als Gesetzeshüter zu erkennen zu geben. An seinem ersten Tag in dem Drei-Mann-Team will Stéphane möglichst alles richtig machen; für seinen Eifer erntet er aber erst einmal belustigte Blicke seiner neuen Kollegen Chris und Gwada und schließlich den gereizten Tadel: „Nimm das verdammte Armband ab! Es ist offensichtlich, dass wir Polizisten sind!“ Rund zehn Jahre sind die beiden schon in den Straßen von Montfermeil unterwegs, kennen die Einwohner und haben sich ihre unverrückbare Meinung über jeden von ihnen gebildet – und diese wissen wiederum genau, was blüht, wenn das graue Auto in ihrer Nähe hält: Herablassende Bemerkungen, willkürliche Kontrollen und andere Schikanen. Ärger in jedem Fall.

Zwanzig Kilometer vor Paris ist Montfermeil mit seinen Plattenbauten, dem Bevölkerungsgemisch und der Aura von Armut und Perspektivlosigkeit eine Banlieue wie viele, und doch auch geschichtsträchtig, seit Victor Hugo den Ort 1862 in seinem Romanepos „Les Misérables“ zu literarischen Ehren kommen ließ: Als Schauplatz, an dem zum einen das Gauner-Ehepaar Thénardier eingeführt wird, zum anderen aber auch der frühere Sträfling Jean Valjean sein menschenfreundliches Werk fortsetzt und die Waise Cosette bei sich aufnimmt. Extreme Gegensätze auf engem Raum, die auch noch das Montfermeil von heute prägen, wie es der Franzose Ladj Ly in seinem Spielfilmdebüt „Die Wütenden – Les Misérables“ präsentiert. Nicht nur im identischen Titel lehnt sich Ly an Hugos Klassiker an, auch an manche Figuren des Romans darf man sich rasch erinnert fühlen. Namentlich die bornierte Haltung des Polizisten Javert, als Mann des Gesetzes stets im Recht gegenüber den „unrettbar dem Bösen Verfallenen“ zu sein, blickt einen insbesondere in Gestalt des aggressiven Teamleiters Chris praktisch unverändert an.

Ein solch unmittelbare Nähe hat kein Banlieue-Film vorher ereicht

Filme über das spezifisch französische Milieu der Banlieues sind zahlreich und in unterschiedlichsten Spielarten entstanden, seit sich die ungepflegten Hochhaus-Labyrinthe ab den 1970er-Jahren als Nährboden für gewaltsame Aufstände herausstellten. „Die Wütenden“ ist nicht der erste Film, der sich dem Banlieue-Schauplatz mit einem quasi-dokumentarischen Einstieg annähert, doch eine solche unmittelbare Nähe vom ersten Moment an hat keiner seiner Vorgänger erschaffen können: Die Kamera von Julien Poupard ist grundsätzlich mit im Wagen, wenn die drei Polizisten umherfahren, nimmt deren fragmentierten Blick auf die Außenwelt ein sowie ihre Wahrnehmung, gerade eben so vor einer omnipräsenten Bedrohung geschützt zu sein.

Vor allem aber stellen die hautnah gefilmten Szenen im Auto das handlungszentrale Trio mit seinen unterschiedlichen Charaktereigenschaften vor: Den Anführer Chris, weiß, kurzhaarig und stiernackig, getrieben von Geltungsdrang und dem Rausch, den ihm die Macht seiner Position verleiht; den schwarzen Gwada, selbst in dem Viertel geboren und nicht weniger verächtlich als sein Partner, wenn auch moderater im Handeln; schließlich Stéphane, aus der ruhigen Normandie ins Pariser Umland gewechselt und unvorbereitet auf eine Form der Verbrechensbekämpfung, die wenig mit korrektem Polizeidienst zu tun hat.

Der Sommer der Temperaturrekorde und der WM

Ladj Ly nutzt die Figur von Stéphane auch, um seine Orientierung suchende Perspektive zu der des Zuschauers zu machen. Der Erstkontakt des Polizisten mit dem fremden Milieu umfasst den überwiegenden Teil des Films. Es ist der Sommer der Temperaturrekorde 2018, gerade hat Frankreich die Fußball-WM gewonnen, und bei der Einstimmung am Morgen sagt die Chefin der drei Männer noch einen ruhigen Arbeitstag voraus, Streifendienst in einer von Tricolore-Seligkeit erschöpften Stadt. Doch filmisch deutet die Kombination aus Hitze, Adrenalin-Nachwirkungen des sportlichen Triumphes und schwelendem Konfliktpotenzial auf eine andere Entwicklung hin, ähnlich wie sie vor allem US-Filmemacher wie Sidney Lumet, John Carpenter oder Spike Lee in ihren Arbeiten dargestellt haben: Den Ausbruch von Gewalt, die in dem Ringen unterschiedlicher Parteien um die Kontrolle des Viertels bis dahin mühsam gezügelt worden ist.

Das hervorragende Drehbuch von Ly, Giordano Gederlini und Chris-Darsteller Alexis Manenti führt über die Initiation von Stéphane nach und nach die verschiedenen Interessengruppen ein. Die patrouillierenden Flics scheinen zunächst keinem Widerstand ausgesetzt, doch zeigen sich bald die komplizierteren Verhältnisse in Montfermeil: Ein afrikanisch-stämmiger Viertel-Pate, der sich mit „Bürgermeister“ anreden lässt, besitzt ebenso viel Einfluss wie die lokale Muslimbruderschaft; mit beiden müssen die Polizisten sich arrangieren.

Hinzu kommen unvorhersehbare Störkräfte wie die Angehörigen eines Wanderzirkus, die zornentbrannt das Viertel stürmen, weil ihnen ein Löwenjunges gestohlen wurde. Um die Gemüter zu beruhigen, versprechen die Polizisten, das Tier innerhalb von 24 Stunden wiederzubeschaffen; tatsächlich ist der Dieb, ein schwarzer Jugendlicher, bald aufgespürt und gestellt. Der heftige Protest seiner Freunde führt jedoch zu einer chaotischen Situation, in der ein fataler Schuss fällt und die Polizisten in höchste Gefahr geraten, da ein anderer Junge alles mit seiner Drohne gefilmt hat. In zynischer Folgerichtigkeit hat die Beschaffung der Videokarte nun Priorität vor der Sorge um den Verletzten, wobei Stéphane das Vorgehen widerwillig ebenso mitträgt wie die übrigen Parteien: Denn letztlich will keine der Gruppen erwachsener Männer in der Banlieue Unruhen herbeiführen, die auch die erreichte Machtstellung in Frage stellen könnten.

Die Frontlinien verschieben sich

Mit der Unterstützung von Julien Poupards Kameraarbeit sowie der Montage von Flora Volpelière bewegt sich Ladj Ly souverän an den Frontlinien entlang, die sich im Lauf des Films verschieben, bis zu einer überraschenden Neuordnung. Ly vermeidet es überhaupt sehr eindrucksvoll, den Genre-Klischees des Banlieue- oder Ghettodramas zu verfallen, wozu Charaktere mit zahlreichen Schattierungen beitragen wie auch die elektronische Musik von Pink Noise, deren sanftes An- und Abschwellen dem Film einen schwebenden und doch spannungsgeladenen Rhythmus gibt. Die sorgfältige Gestaltung belegt, wie sich der 1980 in Mali geborene Ly dem Thema über mehrere filmische Stufen angenähert hat: Selbst in Montfermeil aufgewachsen, filmte er das dortige Leben bereits in den 1990er-Jahren, dokumentarisches Material über die Unruhen von 2005 veröffentlichte er seinerzeit ebenso online wie Langzeitdokumentationen über den Alltag in dem Vorort. Dem Spielfilm „Die Wütenden“ ging 2017 bereits ein gleichnamiger Kurzfilm mit identischen Plotelementen und denselben Hauptdarstellern voraus, dessen verdichtete Handlung Ly nun verfeinert hat.

Der Film spricht so neben den unterschiedlichen Ausformungen der Gier nach Macht und Kontrolle vor allem auch eine der drängenden Debatten der heutigen Zeit an: Fragen nach dem Zusammenhalt und dem Wunsch nach Integration, wie es vor allem die jungen Figuren betrifft, die in ihrer abgebrühten und zugleich verletzlichen Art auch Wiedergänger von Hugos Straßenjungen-Archetyp Gavroche sind. Ihre Sehnsucht, Teil eines größeren Ganzen zu sein, ist bereits in der Anfangssequenz wahrzunehmen, in der die Jungen in der Masse an WM-Feiernden auf den Champs-Élysées aufgehen und in die Nationalhymne einstimmen – womit auch schon subtil die Grenzen des Gemeinschaftsgefühls angedeutet werden, angesichts der kritischen Haltung zur „Marseillaise“ im Kino der letzten Jahre. „Die Wütenden“ ist zwar kein „Anti-Marseillaise-Film“ wie „Frantz“, „Das ist unser Land!“ oder „Synonymes“, in denen die fragwürdigen Aussagen des Liedtextes, Feinden ein gnadenloses Ende zu bereiten, explizit aufs Korn genommen werden, doch Bewusstsein für die Wurzeln von Revolten scheint selbst in den vermeintlich harmloseren Wortwechseln auf. Verbale Erniedrigung und kämpferische Rhetorik bergen in Ladj Lys Perspektive ähnliche Gewaltherde wie das rigide Verhalten der Protagonisten.

Es sind etliche gesellschaftliche wie auch filmische Strömungen Frankreichs der jüngsten Zeit, die in „Die Wütenden“ kulminieren, ohne dass der Film überladen wirkt. Ladj Ly ist der politisch aufrüttelndste Gegenwartsfilm aus Frankreich gelungen, seit Mathieu Kassovitz 1995 „Hass“ in die Kinos brachte. Wo aber bei Kassovitz die grundsätzlichen Fronten noch so klar erschienen, dass die Explosion der sozialen Zeitbombe sozusagen kontrolliert stattfinden konnte, hat man es in „Die Wütenden“ mit der unkalkulierbaren Wirkung von Streubomben der Unterdrückung und Verachtung zu tun. Wenn es hier anfängt zu brennen, ist nicht abzusehen, wer und was alles dem Feuer des Zorns zum Opfer fallen wird.

Marius Nobach, FILMDIENST