Filmkritik

Do 2. April und Di 7. April 17.30 und 20 Uhr
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Miles Davis - Birth of the Cool

Dokumentarfilm

Regie: Stanley Nelson

USA 2019 | 115 Minuten | ab 0

Materialreiche Dokumentation über das Leben des US-Jazzmusikers Miles Davis.

Langkritik:

Es sind der Gitarrist Carlos Santana und der Bassist Marcus Miller, die ungewollt jene Kritik formulieren, die Stanley Nelsons volatile Musikdokumentation „Miles Davis – Birth of the Cool“ an ihrem schwächsten Punkt trifft. Es geht um die fragile Kunst der Ballade, die Miles Davis wie kaum ein Zweiter beherrschte. Ein Feuerwerk in Sachen Virtuosität abzufackeln, so Santana, sei schließlich keine große Kunst, doch eine Ballade erfordere wirklich Mut. Miller ergänzt, dass Davis so wenige Töne gespielt habe, dass die Zuhörer gebannt auf den nächsten Ton gewartet hätten. Eine andere Stimme ergänzt: „Ich wünschte, ich könnte das empfinden, was er spielt!“

In der Fülle des Anekdotischen

Genau diesen Mut, von dem hier so plastisch die Rede ist, lässt der Film komplett vermissen und wählt stattdessen eine Ästhetik des materialreich Überbordenden und Anekdotischen, die mit viel Archivmaterial und zahllosen Talking Heads die Kunst, um die es ja zu gehen hätte, gnadenlos zum Dekor zurichtet.

Hier wird nichts weggeschmissen, sondern montiert: Jedes Foto, das dem Archiv abgerungen wurde; jeder Interviewpartner taucht im Film auf, und für den historisch-sozialen, popkulturellen Rahmen entscheidenden biografischen Knotenpunkte (das Geburtsjahr 1926; die Begegnung mit Charlie Parker in New York 1944; der Vertrag mit „Columbia Records“ 1955; die „Elektrifizierung“ 1969) wird die Bildfrequenz in abenteuerliche, kaum noch dekodierbare Höhen getrieben.

Nelson erzählt die Biografie von Miles Davis buchstäblich von der Wiege bis zum Grab und rückt als Ordnungsprinzip eine Formel ins Zentrum: Wie ist es zu erklären, dass ein derart kontroverser Charakter so schöne Musik geschaffen hat? Wobei auch die Schönheit im Ungefähren verbleibt und nur einmal kurz als „pure, elegant and tasty“ charakterisiert wird. Nelson arbeitet sich atemlos durch die sechseinhalb Jahrzehnte und montiert das Material derart rasant, dass selbst dem informierten Zuschauer Hören und Sehen vergeht.

Die „Autobiografie“ als roter Faden

Nelson nutzt Davis’ gemeinsam mit dem Co-Autor Quincy Troupe pointiert publizierte Sicht der Dinge seiner „Autobiografie“ als roten Faden, eingesprochen vom Schauspieler Carl Lumbly, die er in seine dichte Bild-Ton-Montage einwebt. „Miles Davis – Birth of the Cool“ erzählt so von den ersten Karriereschritten des in durchaus begüterten Verhältnissen aufgewachsenen Musikers, der früh mit den Bebop-Stars Charlie Parker und Dizzy Gillespie arbeiten konnte, ehe er dann nach New York und Paris ging, um dort das Glück eines respektvoll-anerkannten Umgangs zu erleben. Die Erfahrung des stets präsenten Rassismus in den USA mag ihn in die Drogensucht getrieben haben; dennoch entwickelte er sich zur „Ikone des Cool“ mit ausgeprägtem Selbst- und Stilbewusstsein („a kind of masculinity, a kind of black man who takes no shit“) und prägte in diversen künstlerischen Verwandlungen die Entwicklung des modernen Jazz vom Cool Jazz bis hin zu diversen Fusion-Projekten nachdrücklich.

All dies wird mit Interview-Häppchen garniert, selten einmal länger als ein, zwei Sätze, von Zeitgenossen und Kollegen wie Quincy Jones, Wayne Shorter, Jim Cobb bis zu Herbie Hancock, plus Freunden und Familienmitgliedern, die die mehr oder weniger bekannten Fakten um ein paar bunte Splitter Küchenpsychologie bereichern.

Miles Davis’ epochale Meisterwerke wie „Kind of Blue“, „Sketches of Spain“ oder „Bitches Brew“ werden kurz und knapp angespielt, ohne dass die besonderen Qualitäten der höchst unterschiedlichen musikalischen Konzepte eigens thematisiert würde.

Die dunklen Seiten eines Genies

Nelson will keine Star-Hagiografie, sondern widmet sich durchaus ungeschönt auch den dunklen, problematischen Facetten von Davis’ Persönlichkeit wie Drogensucht, Gewalttätigkeit, Misogynie, Eifersucht ode Depression, Paranoia und körperlicher Hinfälligkeit. So erfährt man, dass selbst der Name des Musikers ihn um 1960 in New York nicht davor schützte, zum Opfer von willkürlicher Polizeigewalt zu werden, oder dass er keines seiner vielen Alben im eigenen Haushalt haben wollte, weil er nur am jeweils nächsten Projekt interessiert war; seine als Tänzerin international erfolgreiche Ehefrau Francis Taylor, mit der er zwischen 1958 und 1965 liiert war, zwang er gewalttätig in die Rolle der Hausfrau und Mutter; setzte sich aber gleichzeitig gegen die Plattenfirma durch, weshalb ihr Porträt mehrere Cover seiner Alben zierte.

Allerdings fügt sich die Flut der relativ ungeordneten Informationen nie zu einem schlüssigen Bild, dass etwas Substantielles über die Kunst von Miles Davis aussagen würde. Selbst der eklatante Qualitäts- und Originalitätsschwund zwischen der hochgradig innovativen Werkphase 1969-1975 und dem bestenfalls zwiespältigen Comeback nach 1981 wird im Film nicht thematisiert. So bleibt „Miles Davis – Birth of the Cool“ ein Film, der ein Publikum, das sich noch nicht mit der Musik von Miles Davis beschäftigt hat, vielleicht neugierig stimmt. Insidern stoßen die Redundanzen und das unkonzentrierte Geplauder des Films hingegen schnell auf.

Es fehlt ein originelles Konzept

Bedauerlicher als die Oberflächlichkeit von Nelsons Dokumentation ist allerdings ihre Symptomatik. Wie viele anderen Musikdokumentationen vertraut auch „Miles Davies – Birth of the Cool“ darauf, dass der Reichtum der Archive ein tragfähiges und originelles Konzept für die Anordnung des verfügbaren Materials erübrigen würde.

Ulrich Kriest, FILMDIENST