Filmkritik

Di 7. Juni 17.30 und 20 Uhr
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Monobloc

Dokumentarfilm

Regie: Hauke Wendler

mit: Clovis Cornillac (Nico) · Noémie Schmidt (Alexandra) · Carole Franck (Lila) · Matthieu Sampeur (Marco) · Juliane Lepoureau (Zelda)

Deutschland 2021 | 95 Minuten | ab 0

Reisefreudige und durchaus unterhaltsame Recherche zum omnipräsenten Plastik-Sitzmöbel „Monobloc“, das in der nördlichen Hemisphäre einst als schickes Designobjekt eingeführt wurde, hier aber längst als Ramschware gilt. In anderen Teilen der Welt verrichtet das ökologisch bedenkliche Sitzmöbel durchaus geschätzte Dienste. Die damit verbundene Relativierung der einzelnen Positionen wirft ein nachdenkliches Licht auf die notwendigen Differenzierungen im globalen Vergleich von Lebenswelten.

Langkritik:

Am Anfang standen vielleicht Bilder des-„Monobloc“-Plastikstuhls im Internet. Das verwundert nicht weiter, denn der Plastikstuhl mit dem Namen „Monobloc“ ist das meistverkaufte Möbelstück weltweit. Geschätzt eine Milliarde Exemplare wurden bislang produziert. In den sozialen Medien ist der Stuhl dennoch eher ein Statist, kein Star. Die Gründe dafür führt der Film von Hauke Wendler unmissverständlich vor Augen: „Monobloc“ ist unbequem, instabil und als Plastikstuhl zudem komplett unökologisch. Andererseits aber ist „Monobloc“ billig, stapelbar, leicht und zumindest im Blick auf Regen einigermaßen resistent.

Zunächst sammelt der Film Beweisbilder, auf denen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen auf dem Stuhl zu „thronen“ scheinen, was durchaus unterhaltsam anzuschauen ist. Doch auch auf den Folterbildern von Abu Ghraib steht ein „Monobloc“ herum. Der Filmemacher hat eine dezidierte Meinung zum Sitzmöbel seiner Wahl, weiß aber auch, dass „wenig im Leben so ist, wie es auf den ersten Blick scheint“.

Ein Blick zurück …

Bevor der Film mit seiner Recherche beginnt, die einen zweiten, dritten und vierten Blick riskiert, widmet sich Wendler etwas betulich der eigenen Bilderproduktion, indem er Dreharbeiten dokumentiert und einen Off-Kommentar einspeist. Anschließend werden in einer Fußgängerzone Passanten befragt, was von Plastikstühlen zu halten ist. Das Ergebnis ist eindeutig und deckt sich mit den gängigen stilbewussten bis ökologischen Vorurteilen, die dem Stuhl sogar den Status eines Kulturguts absprechen.

Doch bevor sich dieses wechselseitig sich bestätigende Schulterklopfen verabsolutiert, geht der Film auf Reisen und startet eine Spurensuche nach der Geschichte des „Monobloc“. Erste Station: Norditalien. Dort hat sich eine Firma früh auf die Massenproduktion des Plastikprodukts spezialisiert. Erfunden habe man das Produkt nicht, heißt es dort, doch sein Designer, der Franzose Henry Massonnet, habe es verabsäumt, sein Produkt patentieren zu lassen. Massonnet dachte den „Fauteuil 300“ noch als stylishes Lifestyle-Produkt, galt Plastik um 1970 herum doch noch als modern und chic. Dafür spricht auch, dass der klassische „Monobloc“ Teil der Sammlung des Vitra Design-Museums in Weil am Rhein ist, folglich Teil einer modernistischen Design-Geschichte.

… und in die Welt

Nach dieser historischen Weitung des Blicks führt der Weg in Entwicklungs- und Schwellenländer, wo der „Monobloc“ auf ganz unterschiedliche Ansprüche und Notwendigkeiten trifft und diese auch zu erfüllen versteht. Zum Beispiel in Uganda als Element eines kostengünstigen Rollstuhls, oder in Indien, wo aufgrund des Rohstoffmangels gilt: „Plastic is a product to stay!“ Zumal, wenn man es Menschen ermöglichen will, sich wortwörtlich vom Boden zu erheben oder am Tisch Platz zu nehmen.

Nicht zuletzt aufgrund der selbstbewusst vorgetragenen Argumentationen der Gesprächspartner jenseits mitteleuropäischer Fußgängerzonen wird „Monobloc“ nachdrücklich didaktisch; Geschmacksurteile oder Umweltbewusstsein mögen in der nördlichen Hemisphäre gerade chic sein, doch im Rest der Welt gilt es zunächst einmal andere Probleme zu lösen. In Brasilien wird dann auch mit dem Vorurteil aufgeräumt, dass Polypropylen nicht recyclebar sei. Dort sorgt die Tätigkeit des Müllsammelns mit etwas Glück und Geschick für ein kleines, aber regelmäßiges Einkommen.

Was man Ende zählt

Inwieweit man in globaler Perspektive von der Würde des Müllsammelns sprechen mag, sei dahingestellt. Der Filmemacher Hauke Wendler steht jedenfalls fest, dass das allzu bequeme Schwarz-Weiß-Denken zu kurz greift, weshalb wohl besser von unterschiedlichen Graustufen eines Produkts wie des „Monobloc“ gesprochen werden sollte. Allerdings verstellen ein paar Impressionen aus der Recyclingfabrik schnell den vorsichtigen Optimismus der Differenzierung, die um die Einsicht kreist: „Was am Ende zählt, ist nicht der Stuhl, sondern dass man sitzt.“ Was zu beweisen war.

Ulrich Kriest, FILMDIENST