Filmkritik

Di 17. Mai 17.30 und 20 Uhr
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Tove

Biopic

Regie: Zaida Bergroth

mit: Alma Pöysti (Tove Jansson) · Krista Kosonen (Vivica Bandler) · Shanti Roney (Atos Wirtanen) · Joanna Haartti (Tuulikki Pietitä) · Eeva Putro (Maya Vanni)

Finnland 2020 | 107 Minuten | ab 12

Ein biografisches Porträt der finnischen Autorin und Malerin Tove Jansson (1914-2001), die durch ihre „Mumin“-Kindergeschichten Weltruhm erlangte. Der Film konzentriert sich auf das Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem Jansson um ihre künstlerische Selbstverwirklichung zwischen „ernsthaften“ Gemälden und ihrer zeichnerisch-erzählerischen Begabung rang. Die sorgfältige Inszenierung besitzt außerdem große Reize in der Darstellung der finnischen Künstler-Boheme und der komplizierten Doppelbeziehung der bisexuellen Künstlerin zu einem sozialistischen Philosophen und einer mondänen Theaterregisseurin aus der Oberschicht.

Langkritik:

Tove tanzt. Wenn der Plattenspieler anläuft und die ersten Töne der Musik erklingen, legt die leicht verhuscht wirkende Frau richtig los, egal ob auf einer Party, im schummrigen Licht einer Wohnung oder draußen auf der Heide. Befeuert vom Rhythmus, scheint sich bei Tove Jansson alles zu lösen; sie scheint ganz bei sich zu sein, während sie mit ungezügelten Schrittfolgen und wehenden Rocksäumen den Raum erobert.

In dem biografischen Drama „Tove“ schöpft die Hauptfigur aus dem Tanz des Öfteren Kraft und Lebensmut, um sich als Herrin ihrer selbst zu fühlen. Denn das war ihr ansonsten lange verwehrt. Mit 30 Jahren ist ihr als Malerin noch immer nicht der Durchbruch gelungen; gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wohnt sie wieder bei ihren Eltern in Helsinki. Ihr Vater, der etablierte Bildhauer Viktor Jansson, klatscht im Atelier Gips auf seine Statuen, denen er an Steifheit durchaus nahekommt; für die Zeichnungen kleiner Wesen, die seine Tochter derweil aufs Papier wirft, hat er nur ein „Das ist keine Kunst!“ übrig. Nicht dass ihre Gemälde besser wegkommen würden - die kanzelt er regelmäßig als misslungen oder belanglos ab.

Der Kampf mit der künstlerischen Gabe

Regisseurin Zaida Bergroth lässt diese Zweifel an der künstlerischen Gabe von Tove Jansson nicht nur als innerfamiliäre Drucksituation vorkommen und von der verhaltenen Aufnahme durch die finnische Nachkriegsgesellschaft unterstreichen. Sie macht sie vielmehr zum zentralen Konflikt der Hauptfigur selbst. Dass Tove Jansson in dieser Zeit ihre ersten Geschichten um die freundlichen nilpferdähnlichen Trollwesen der Mumin-Familie und deren Freunde Schnupferich, Schnüferl & Co. schreibt und zeichnet, mit denen sie später weltberühmt und zur Ikone der Kinderliteratur wird, bleibt im Film zunächst im Hintergrund.

Stattdessen fokussieren Bergroth und die Drehbuchautorin Eeva Putro auf eine junge Frau, die zwar mit dem verzögerten Erfolg als Malerin hadert, aber dennoch von künstlerischem Ethos erfüllt ist. Die eigene Atelier-Wohnung erscheint als bedeutender Schritt, ebenso wie die Teilnahme an einer Ausstellung und die Bewerbung um ein Künstlerstipendium, auch wenn dem kein Erfolg beschieden ist. Der Vermieterin ein Gemälde statt der ausstehenden Miete anzubieten, fügt sich ebenfalls in diesen Entwurf einer ihren Weg suchenden Künstlerin ein, die sich im Grunde für das verachtet, womit sie auf leichtere Weise Geld und Bewunderung erhält: Karikaturen, Illustrationen und eben ihre Kinderbücher.

Ähnlich wie der Film „Astrid“ von Pernille Fischer Christensen über Janssons schwedische Kollegin Astrid Lindgren will auch „Tove“ vor allem die Geschichte einer Emanzipation erzählen. Doch wo es in der Lindgren-Filmbiografie um eine eher konventionelle Autorinnengenese durch die Verarbeitung persönlicher Traumata und den Ausstieg aus konservativ einengenden Verhältnissen geht, deutet „Tove“ seine Protagonistin als Künstlerin, die sich von Anfang an in den richtigen Sphären bewegt und lediglich ihrem wahren Talent nicht vertrauen will.

Inneres Ringen um den richtigen Weg

Das innere künstlerische Ringen setzen Bergroth und ihre Hauptdarstellerin Alma Pöysti in vielen beredten Szenen um, in denen einem aufgeht, wie sehr Tove Janssons Selbstwertgefühl von der zeitaufwändigen Malerei mit Pinsel und Farbpalette abhängt – und vom Gefühl der Unabhängigkeit von anderen, das sie eigenhändig Holz für den Ofen hacken oder eine Elektroleitung flicken lässt. Diese Sequenzen weisen unmittelbar auf den Konflikt mit dem Vater zurück, der immer wieder aufflackert. Dies setzt der Film aber am konventionellsten um. Was Tove und Viktor Jansson trennt, gelangt kaum über die stereotypen Schmähkommentare, hochgezogenen Augenbrauen und verdrehten Augen des Vaters hinaus; auf der anderen Seite steht der naiv-kindliche Wunsch nach väterlicher Anerkennung, die Tove vorenthalten wird.

Weitaus lebendiger erscheint daneben die finnische Künstler-Boheme, der Tove Jansson angehört und aus der heraus sich ihre wichtigsten Beziehungen entwickeln. Bergroth orientiert sich an gediegenen US-amerikanischen Vorbildern, was die Retro-Ausleuchtung in gedeckten Farben und den mit Jazz- und Swing-Standards angereicherten Soundtrack betrifft, und auch für die Szenen des befruchtenden Austausches mit Künstlerkollegen haben unterhaltsame US-Filme à la „Mrs. Parker und ihr lasterhafter Kreis“ offensichtlich Pate gestanden.

Komplizierte Liebesbeziehungen

Eigenständigkeit und seine größte Spannung gewinnt „Tove“ allerdings durch zwei schillernde Figuren im engsten Umfeld der Hauptfigur, die den Film über das Sittenbild der künstlerischen Elite Finnlands hinaus auch zum Einblick in die politische Oberschicht der Zeit machen. In den späten 1940er-Jahren unterhält Tove Jansson Liebesbeziehungen sowohl zu dem Philosophen, sozialistischen Abgeordneten und Verleger Atos Wirtanen als auch zu Vivica Bandler, der mondänen Tochter des Bürgermeisters von Helsinki und ambitionierten Theaterregisseurin.

Der Film legt Atos Wirtanen dabei als klugen Gegenentwurf zu den patriarchal-verknöcherten männlichen Charakteren nach dem Muster von Viktor Jansson an: ein progressiver Intellektueller, dem das Chaos in seinem Privatleben beständig in seine Ideale von der Freiheit des Denkens hineinpfuscht und der in seinem verlegenen Heiratswerben um Tove Jansson zusehends das Gefühl bekommt, eine lächerliche Figur abzugeben. Vivica Bandler strotzt demgegenüber vor Selbstbewusstsein, das sich nicht darum schert, dass Homosexualität zu dieser Zeit auch in Finnland noch strafbar war. Nach den hitzigen Anfängen der Affäre mit der gesellschaftlich unter ihr stehenden Künstlerin zieht Bandler bald zum nächsten Abenteuer weiter.

Gemeinsam ist beiden neben der Zuneigung für Tove Jansson ein aufrichtiges Interesse an deren Begabung, auch mit konkreten Folgen: Wirtanen verschafft ihr Kontakte zu internationalen Zeitungen, für die sie ab den 1950er-Jahren regelmäßig Mumin-Cartoons zeichnet; Bandler inszeniert als erste eines der Mumin-Bücher als Theaterstück.

Der Prozess einer Selbstermächtigung

Mitunter versinkt der Film ein wenig in diesen produktiven Beziehungen dreier faszinierender Persönlichkeiten, wohingegen die Zeitgeschichte kaum noch eine Rolle zu spielen scheint. Auch die biografisch durchaus wichtigen Einflüsse aus Tove Janssons Kindheit und Alter auf ihre Arbeit klammert der Film aus. Und im Vergleich zu Atos Wirtanen und Vivica Bandler erhält die Grafikerin Tuulikki Pietilä, mit der Jansson Mitte der 1950er-Jahre die Partnerin fürs Leben fand, nur einen Kurzauftritt eingeräumt.

Doch mit der Konzentration auf rund zehn Jahre im Leben von Tove Jansson findet der Film das Mittel, um den Prozess der Selbstermächtigung – auch durch die Lösung von den Mentoren – bis zur Vollendung nachzuzeichnen. Zudem wird der Einfluss von Janssons Leben auf die Gestaltung der Mumin-Welt glaubhaft sichtbar gemacht: eine poetische Zuflucht, in der ihre Umgebung in karikierter, aber liebevoller Weise Aufnahme findet. Und wo die Autorin sich mit ihren Ängsten auseinandersetzen kann, bevor sie ihnen auch in der realen Welt entgegentritt.

Marius Nobach, FILMDIENST