Filmkritik

Do 10. Oktober und Di 15. Oktober 17.30 und 20 Uhr
3.jpg

Britt-Marie war hier

Literaturverfilmung

Regie: Tuva Novotny

mit: Pernilla August (Britt-Marie) · Vera Vitali (Anna) · Peter Haber (Kent) · Olle Sarri (Fredrik) · Anders Mossling (Sven)

Schweden 2019 | 98 Minuten | ab 0

Eine 63-jährige schwedische Hausfrau entdeckt nach vier Jahrzehnten, dass ihr Ehemann sie mit einer Jüngeren betrügt. Kurzentschlossen packt sie ihre Koffer und fährt in eine kleine Gemeinde, wo sie sich erfolgreich als Jugendbetreuerin beworben hat. Zu ihren Aufgaben zählt aber auch das Fußballtraining der Kindermannschaft, obwohl sie Fußball abgrundtief hasst. Die etwas brav geratene und konfliktscheue Tragikomödie wirkt mitunter arg konstruiert und inszeniert die Emanzipationsgeschichte der mürrischen alten Frau zur selbstbewussten Lady recht märchenhaft. Auch visuell gewinnt der Film dem Fußballszenario wenig Reiz ab und überzeugt allenfalls durch die humorvoll aufbereitete Kluft zwischen den Generationen. - Ab 14.

Langkritik:

Schwedische Tragikomödie um eine mürrische alte Frau, die von ihrem Ehemann betrogen wird und woanders als Jugendbetreuerin einen Neustart wagt, obwohl sie Fußball nicht ausstehend kann.

Das Graffito „Kilroy was here“ stammt aus dem Zweiten Weltkrieg und war überall dort zu finden, wo US-amerikanische Truppen durchgezogen waren. Kilroy wurde so zum Supersoldaten, der immer schon da gewesen war, bevor andere kamen. Oder etwas genauer: Kilroy kam anderen zuvor. Ein Spruch, der die Überlegenheit der US-Armee mit Nachdruck betonte, aber auch später im Alltag für sanfte Irritierung und amüsiertes Schmunzeln sorgte. Im Falle von „Britt-Marie war hier“, den die eigentlich als Schauspielerin bekannte Tuva Novotny inszeniert hat, bedeutet das Graffito noch mehr: Es ist ein Lebenszeichen, das ein Aufbäumen im Alter signalisiert und für eine zweite Chance steht.

Nach dem Roman von Fredrik Backman, der schon die Vorlage für „Ein Mann namens Ove“ schrieb, erzählt Novotny die Geschichte der 63-jährigen Schwedin Britt-Marie, die seit 40 Jahren mit Kent verheiratet ist. Die ersten Szenen zeigen ihren ereignislosen, von Putzzwängen und Ordnung geprägten Alltag. Boden schrubben, Fenster putzen, Hemden bügeln und akkurat falten, Löffel und Gabeln fein säuberlich in der Schublade verstauen, das Abendessen zubereiten. Doch ihr Mann hat nie Zeit und schützt Arbeit vor – bis er einen Herzinfarkt erleidet und Britt-Marie eine junge, vollbusige Besucherin an seinem Krankenbett sitzen sieht. Daher stammt also das Parfüm auf seinen Hemden.

Das Leben ist noch nicht vorbei

Kurzentschlossen packt Britt-Marie ihre Koffer und verduftet in eine kleine schwedische Gemeinde namens Borg, wo sie sich erfolgreich als Jugendbetreuerin beworben hat. Zur Jobbeschreibung gehört allerdings auch das Training der Kinderfußballmannschaft. Wenn Britt-Marie von einer Sache keine Ahnung hat, dann ist es Fußball – das zeigte schon ihr Unverständnis über die Begeisterung ihres Mannes bei der Fernsehübertragung von Länderspielen oder der Champions League. Allerdings haben die bunt zusammengewürfelten Kids es nicht so mit Ordnung und Sauberkeit. Britt-Marie muss sich etwas einfallen lassen, wenn sie ihren Respekt und vielleicht auch mal ein Spiel gewinnen will. Hilfe erhält sie ausgerechnet von einer blinden alten Frau, die früher eine erfahrene Trainerin war.

Dass alte Menschen noch etwas reißen können, ob als Bankräuber oder alleinstehende Witwe, beweisen aktuelle Kinofilme, von „Ein Gauner & Gentleman“ über „Ein letzter Job“ bis zu „Edie - Für Träume ist es nie zu spät“. Das Leben ist noch nicht vorbei, man kann auch im hohen Alter noch einmal neu beginnen. Doch Tuva Novotny wollte darüber hinaus noch ein wenig mehr. In den Pressenotizen spricht sie von „Girl Power“ und davon, dass ihr Film durch die #metoo-Debatte mit angestoßen wurde. Eine ganz normale Frau entflieht ihrer lieblosen Ehe und tauscht ihre Einsamkeit gegen Geselligkeit ein, ihr Hausfrauendasein gegen eine sinnvolle Aufgabe. Es geht also um Emanzipation und Selbstverwirklichung. Doch von Power ist hier wenig zu spüren.

Kommunikation über Grenzen hinweg

Während „Ein Mann namens Ove“ als widerborstig-böse Komödie mit Anleihen beim anrührenden Drama überzeugte, in der es um eine unerwartete Freundschaft ging, um Toleranz und Gelassenheit, kommt „Britt-Marie war hier“ eigentümlich brav und konfliktscheu daher. Vieles ist hier nur Behauptung oder wirkt konstruiert. Die Wandlung der steifen und mürrischen alten Frau zur selbstbewussten Lady ist viel zu märchenhaft inszeniert. Auch aus dem Umstand, dass eine blinde Frau und eine alte Fußballhasserin eine Fußballmannschaft trainieren, gewinnt der Film keinen visuellen Reiz. Denn Fußball spielt hier die geringste Rolle. Weder zeigt der Film, was die Jugendlichen falsch machen, noch wie sie trainieren müssten, und der sogenannte Preptalk, also das vorbereitende Gespräch, enthält nur Aufmunterungen, aber keine Anweisungen. Für Fußballfans ist dieser Film nichts.

Sehr viel mehr Humor und Unterhaltsamkeit gewinnt „Britt-Marie war hier“ aus der Kluft zwischen der alten Frau und den unbekümmerten Kindern. Hier, in der schwierigen Kommunikation zwischen den Generationen, hat er seine größten Stärken. Seinem Titel wird der Film übrigens auch nur halb gerecht. Ja – Britt-Marie war hier. Aber Robert Redford („Ein Gauner & Gentleman“), Michael Caine („Ein letzter Job“) und Sheila Hancock („Edie – Für Träume ist es nie zu spät“) waren schon eher da.

Michael Ranze, FILMDIENST